35. EPF-Jahrestagung - Ideale

Beschreibung


Liebe Kolleginnen und Kollegen,



für die 35. Jahrestagung, die in Wien stattfinden wird, dem
Geburtsort der Psychoanalyse, haben wir das Thema Ideale
gewählt. Viele von Ihnen werden sich erinnern, dass die EPF die 33.
Jahrestagung 2020 in Wien abhalten wollte, wir dann aber aufgrund der
Pandemie gezwungen waren, die Veranstaltung sehr kurzfristig abzusagen.
Das Programm zum Thema Realitäten haben wir aber nicht gestrichen und es
2021 gezwungenermaßen als Online-Tagung durchgeführt. Nun gehen wir
nach Wien mit diesem neuen Thema.



Betrachten wir zunächst kurz die Etymologie des Begriffes „Ideal“.
Jorge Canestri stellte im EPF-Bulletin 55/2001 fest, dass der Begriff
„Ideal“ zusammen mit „Idol“ eine gemeinsame Wurzel im griechischen Wort „idéa
hat, was „sehen“ bedeutet. Die wörtliche Bedeutung des griechischen idéa
ist „Gestalt, Form, Erscheinung…, und obwohl dieser Terminus in der
Philosophie bereits von Demokrit in der Bedeutung von ‚Gestalt oder
sichtbares Schema‘ benutzt wurde, [folgt] der weitere Werdegang
des Begriffs ganz der Platonischen Philosophie, insofern er die
Bedeutung eines abstrakten Modells und Ideals übernahm, das wir als
Vergleichsmaßstab heranziehen“. Canestris Überlegung legte den
Schwerpunkt auf „die Notwendigkeit eines ständigen Oszillierens zwischen
Sehen und Denken, Form und Vorstellung, Bild und Abstraktion“, und mit
der Hinwendung zu Freuds Der Mann Moses und die monotheistische
Religion

zitierte er die wohlbekannte Aussage aus jenem Spätwerk zur
menschlichen Entdeckung des Geistes zum Kind, das sich von einem
Elternteil dem anderen zuwendet:



„Aber diese Wendung von der Mutter zum Vater bezeichnet überdies
einen Sieg der Geistigkeit über die Sinnlichkeit, also einen
Kulturfortschritt, denn die Mutterschaft ist durch das Zeugnis der Sinne
erwiesen, während die Vaterschaft eine Annahme ist, auf einen Schluss
und auf eine Voraussetzung aufgebaut. Die Parteinahme, die den
Denkvorgang über die sinnliche Wahrnehmung erhebt, bewährt sich als ein
folgenschwerer Schritt“ (GW XIV, S. 221ff). 



Freud hatte den Begriff „Idealich“ 1914 in seiner Schrift Zur
Einführung des Narzissmus
zum ersten Mal konzeptualisiert, 1923
dann in Das Ich und das Es,
er unterschied aber nicht zwischen Idealich und Ich-Ideal. Freuds
Nachfolger begannen, bestimmte Unterscheidungen vorzuschlagen. Lacan
(1966) beispielsweise differenzierte zwischen Ich (Moi), Idealich (Moi
idéal) und Ichideal (Idéal du Moi). Das Ich wird in der Spiegelphase des
Kindes als Körper-Ich vermittelt, während das Idealich ein Körpermodell
idealisierter Anderer ist, das das Ich in eine Spannung bringt. Das
Subjekt misst sein Ideal nicht an sich selbst, sondern an dem Bild,
welches in seiner Vorstellung für einen Anderen begehrenswert
ist. Dieses Bild ist sein Idealich. Ein Dritter vermittelt also
Anerkennung oder Verweigerung der Anerkennung („der Andere mit großem
A“). Wenn das Subjekt sich mit diesem Anderen und dessen Urteil
hinsichtlich des Idealichs identifiziert, entsteht das Ichideal. Das
Ichideal sorgt für die Regulierung der Beziehung zwischen dem Ich und
dem Idealich. Und über das vom Anderen stammende Ichideal entsteht
Symbolisierung. Somit gehört das Idealich als Bild zum imaginären
Register, während das Ichideal als Ergebnis einer auch sprachlich
vermittelten Identifizierung mit einem bedeutsamen Anderen dem
symbolischen Register angehört (wir verzichten hier auf die Diskussion
des Verhältnisses von Moi und je).



All diese Differenzierungen haben mit der Frage zu tun, wie Ideale
zur Entstehung und Beibehaltung libidinöser und objektgerichteter Ziele
dienen können oder wie sie im Interesse von Zielen auf der Ebene der
Verteidigung eines primären Narzissmus bei Individuen und Gruppen
eingesetzt werden können, die potenziell destruktiv sind. Folgt man der
Entwicklung psychoanalytischer Theorien zum Thema Ideale seit Freud,
können wir feststellen, dass Übereinstimmung darüber besteht, dass sie
die Strukturierung des psychischen Lebens fördern, aber auch tyrannisch
und quälend werden können, während das Fehlen von Idealen zu Gefühlen
von Desorientierung, emotionaler Leere und Hoffnungslosigkeit führen
kann.



Für Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker ist ein optimaler
Modus der Ausübung von Psychoanalyse das, was sich in Sigmund Freuds
Praxisraum in Wien abspielte. Er entwarf die günstigste Behandlungsform
für die Hysterie. Obwohl sich sein Setting überwiegend beiläufig
entwickelte, wurde es schnell zum Standardverfahren, Psychoanalyse zu
praktizieren. Die Struktur der analytischen Sitzungen und die Art des
Zusammenseins mit dem Patienten wurden zur Methodik: weil sie gut
funktionierte. Könnten wir zustimmen, dass diese etablierte Art und
Weise, klinische psychoanalytische Arbeit zu praktizieren, zum Ideal
psychoanalytischer Praxis geworden ist?



Die Pandemie des Jahres 2020 veränderte die Art, wie Analytikerinnen
und Analytiker üblicherweise ihre Patienten behandeln, radikal und in
einer Weise, von der Freud und die meisten von uns sich nie hätten
träumen lassen, dass sie über Entfernung hinweg möglich wäre.
Analytikerinnen und Analytiker, die lange Zeit an ernster Kritik an der
sogenannten „Fernanalyse“ festgehalten hatten und sie als eine
Verzerrung von Psychoanalyse ablehnten, waren erstmals gezwungen, ihre
Patienten „aus der Ferne“ zu „sehen“. Viele sträubten sich, aber die
Mehrheit der Analytiker:innen auf der ganzen Welt sahen sich einer
harten Realität gegenüber, als ihre Regierungen einen Lockdown
verhängten und uns die Instruktion gaben, zu Hause zu bleiben. Jeder
Analytikerin und jeder Analytiker traf die schwierige Entscheidung,
entweder online oder am Telefon zu arbeiten oder Patienten weiterhin zu
sehen und dabei alle notwendigen Sicherheitsmaßnahmen zu treffen, wie
das Tragen einer Maske, Abstand und offene Fenster.



Recht schnell begannen Analytiker:innen, über die neue Situation und
über die Spannungen zu schreiben, denen ihre Tätigkeit dadurch
ausgesetzt war. Einige hatten bereits mit Patienten im Ausland
gearbeitet, sodass dies für sie keine so große Belastung war wie für
jene, die es nie für möglich gehalten hatten, analytisch online zu
arbeiten ohne die Anwesenheit des Patienten im Raum. In dieser Zeit
mussten sich alle Analytikerinnen und Analytiker insofern auf den
Patienten verlassen, als dieser Verantwortung für die Einhaltung des
Settings übernahm, und jede Analytiker:in explorierte die Thematik einer
psychischen Arbeit in der Behandlung eines Patienten, der nicht mit im
Raum war. Stellen diese Veränderungen ein Ideal psychoanalytischer
Arbeit infrage?



Wenn wir uns zur Außenwelt wenden: wie wenden wir unsere
psychoanalytischen Theorien, die auf der Grundlage unserer klinischen
Praxis entstehen, dabei an, andere Arten von Pandemien zu verstehen,
beispielsweise das Aufkommen des Populismus auf internationaler Ebene?
Bereits vor der Covid-19-Pandemie war die Welt Zeuge von Horrorszenarien
aufgrund des Klimawandels – neben einem englischen Brexit-Plan, der
sich auf die Ideologie gründete, „Kontrolle zurückzugewinnen“. Und diese
„Idealisierung“ menschlicher Werte erinnert uns an die deutsche
Geschichte und deren dunkles Kapitel der Vorherrschaft einer
Nazi-Ideologie, an der die Gefahr sichtbar wurde, dass Idealisierung als
Abwehr von unvermeidlichen Enttäuschungen in menschlichen Erfahrungen
eingesetzt werden kann. Überidealisierung kann auf diesem Wege leicht zu
einer pervertierten Form der Erschaffung sogenannter Ideale werden, die
zu destruktiven Prozessen und Ergebnissen führen. Die Ideologie, in
welcher der Brexit wurzelt, droht, ein vereintes Europa
auseinanderzudividieren, das aus der Asche zweier schrecklicher
Weltkriege, die auf europäischem Boden stattgefunden hatten,
wiederauferstanden war.



Ein Blick auf unsere zeitgenössische Welt, besonders auf Jugendliche
und junge Menschen, zeigt eine Spannung und eine Kluft zwischen einer
Suche nach Id

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